Spiel

Theater in der Spielpause

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Ohne Kunst ist still geworden: Theater, Konzerthäuser und Opern sind in der Spielpause. Ich sitze am Schreibtisch in meiner Berliner Wohnung und habe kalte Füße. Aus meiner Winterjacke lugt ein angebrochener Schokoriegel hervor – ich lasse mich verführen und bin plötzlich sehr motiviert. Heute werde ich mich mit der Nachbereitung von „Asta! Asta! Asta!“ beschäftigen.

Vor zwei Monaten liefen die letzten Vorstellungen auf Hiddensee. Aus der heutigen Perspektive – ein reines Wunder! Weder der frische Wind noch die Mückenwolken konnten unsere Zuschauer daran hindern, sich in das Leben von Asta Nielsen, voller Gegensätze, Humor und Selbstironie, einzutauchen. Als Open Air Veranstaltung mussten wir uns zwar an den angemessenen Abstand halten, die leuchtenden Gesichter im Publikum aber konnten wir maskenlos sehen. Auch der Austausch nach dem Spiel war bereichernd und die Freude, im Theater sein zu können („endlich mal Kunst!“) war riesengroß.

Seit paar Wochen wurde es still. Theater geschlossen, Konzerte abgesagt, Singen verboten. Man diskutiert, wer als Erster geimpft werden soll. Man fragt sich, wie es mit der Wirtschaft weitergeht und ob der neue amerikanische Präsident es drauf haben wird. Wir hoffen, dass unsere Eltern gesund bleiben, unsere Kinder weiter in die Kita und Schule gehen. Wir machen uns fit für die digitale Welt. Auch die Theaterproben finden per Zoom statt, zumindest unsere.

Heute vor zwei Monaten stand ich auf dem Balkon im Asta Nielsen Haus. Die Schlussszene. Ich sage ein Gedicht auf, das Asta Nielsen kurz vor ihrem Tod im Jahr 1972 geschrieben hat. Das Gedicht heißt „Woraus besteht das Leben eines Künstlers“. Darin vergleicht sie paradoxe Beziehungen: Künstler – Menge, Künstler – Geld, Künstler – Form. Zwei Strophen dieses Gedichtes gehen mir nicht aus dem Kopf:

…aus einer Zeit, da die Nation den Künstler zugrunde gehen lässt
und einer, da ohne den Künstler die Nation verdirbt…“

Am Ende jeder Vorstellung, kurz vor dem Applausausbruch, kullern schwere Tränen über mein stark geschminktes Gesicht. Ich bete, dass es nicht dazu kommen wird.

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