Stimme

Warum ich Stimmarbeit liebe

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Warum ich Stimmarbeit liebe? Diese Frage stellte ich mir bei der Challenge „BoomBoomBlog“ von Judith Peters aka Sympatexter. Um die Antwort zu finden, musste ich mich mit meiner eigenen Geschichte auseinandersetzten. Mit meiner Kindheit, meinem Beruf, meinem Leben. Was ist Stimmarbeit? Was hat sie mit unserer Identität zu tun? Besitzen wir alle eine Superpower? Bist Du neugierig geworden? Dann viel Spaß beim Lesen!

Meine Geschichte

Ich wurde von Ärzten als taubstumm abgestempelt. Gleich nach der Geburt. Doch die Diagnose stimmte nicht ganz. Die ersten zwei Jahre litt ich unter großen Ohrenschmerzen. Ich schrie ununterbrochen und bekam täglich Behandlungen. Fünf Jahre später sang ich im Kindermusical. Zwölf Jahre später spielte ich Klavier. Zwanzig Jahre später sprach ich drei Sprachen. Heute spiele ich Theater und gebe Stimmtraining. Ich beschäftige mich mein ganzes Leben lang mit Stimme.
Allen Ärzten zum Trotz.

Ich mit 3,5 Jahren

In meiner Kindheit wurde immer gesungen und erzählt: Gute-Nacht-Geschichten von meiner Oma. Selbstgeschriebene Gedichte von meinem Opa. Ich wurde von der singenden Stimme meiner Mutter geweckt und in den Schlaf gewogen. Mit meinem Papa sang ich „Beatles“ und „Deep Purple“. Wenn die Großfamilie mit dem Abendessen fertig war, gab es Gesang als Nachtisch. Von meiner Oma angestimmt sang Jung und Alt russische Volkslieder. Einfach so. Ohne Begleitung und Liederbücher.
Mit neun bekam ich eine schlimme Erkältung. Ich verlor meine Stimme. Mein Gefühl der Machtlosigkeit war so groß, dass ich dachte, ich musste sterben. Ich stellte mich vor, ich wäre Ariel, die Meerjungfrau. Und die böse Hexe hätte meine Stimme gestohlen. Nach paar Wochen ging es mir dann besser. Meine Stimme war wieder bei mir. Ich konnte meine Wünsche und Pläne mitteilen, mitdiskutieren und singen. Ich konnte wieder ich sein.

Warum ich Stimmarbeit liebe? Weil ich in Verbindung mit mir selbst bin.

Stimme und Wahrheit

Be-stimmt!

„Ich habe Dich an Deiner Stimme erkannt“, hörte ich neulich.
Klar, Stimme ist unsere Eigenmarke. Sie ist eng mit unserer Persönlichkeit verbunden. Unsere Stimme spiegelt unsere innere Welt wieder und bringt unsere Emotionen zum Ausdruck. Ein lächelndes Baby, ein flauschiges Kätzchen und ein Lieblingssong rufen automatisch stimmliche Reaktionen hervor.
Oder auch nicht.
In unserer Kindheit lernen wir uns anzupassen. Wir lernen brav zu sein, damit wir das bekommen, was wir brauchen. Das wahre Ich zu zeigen wird zur Mutprobe. Denn wir werden oft dafür bestraft. Oder bekommen im besten Fall keine Süßigkeiten. Wir sprechen mit einer zu hohen oder zu tiefen Stimme. Wir lernen leise zu sein. Und nicht zu weinen.

Mein wahres Ich?

Und dann sagen wir Sätze wie „Ich kann meine eigene Stimme nicht hören“ oder „Ich mag meine Stimme nicht“. Wir können uns nicht akzeptieren. Wir sind uns selbst fremd. Wir kennen nur das Angepasste, und das erscheint uns dann als nicht stimmig.
Und jetzt kommen die drei „W“-Fragen:

  1. Wie können uns andere annehmen, wenn wir uns selbst ablehnen?
  2. Wie können wir andere überzeugen, wenn wir selbst zweifeln?
  3. Wie können uns andere vertrauen, wenn wir uns verstellen?

Ich liebe Stimmarbeit, weil es um das Wahre geht.
Wie bei einer Liebeserklärung. 100 % und volle Kanne.
Ich liebe es zu sehen, wie Menschen zu ihrem wahren Kern wiederfinden. Wie sicher und kraftvoll sie dem Leben gegenüber treten.

Stimme und Superpower

Die Superpower

2018 bin ich zurück in Russland mit meinem 2-jährigen Sohn. Er ist überfordert, müde und schreit wie am Spieß. Kuscheln hilft nur mäßig, Erklärungen gar nicht. Meine Schwester fängt an zu singen. Es ist ein leises Wiegenlied, das ich nicht kenne. Das Kind gibt paar Schluchzer vor sich hin. Zehn Sekunden später schläft es friedlich in meinem Arm. Warum bin ich nicht selbst darauf gekommen?
Es gibt unzählige Märchen, in denen Zaubersprüche oder Gesang eine entscheidende Rolle spielen. Auch im wirklichen Leben scheint Stimme magische Kräfte zu besitzen. Wir sagen:

  • Ich bin verzaubert von ihrer Stimme!
  • Wie heißt das Zauberwort?
  • Du bist eine Pferdeflüsterin!

Stimme als Superpower? Ja! Unsere Stimme ist da, um uns zu tragen, zu beschützen und zu ermutigen.
Wenn ich nachdenke, summe ich.
Wenn ich nicht weiterweiß, singe ich das berühmte Dori-Lied („einfach schwimmen…“)
Wenn ich mich freue, hört das die ganze Nachbarschaft.
Wenn ich traurig bin, singe ich Liebeslieder.
Wenn ich Geburtstag habe, sitze ich am liebsten mit Freunden und Familie am Feuer. Und wir singen. Stundenlang. Oft sind das ausgedachte Songs, die die momentane Stimmung beschreiben. Ein besseres Geschenk kann ich mir nicht vorstellen.

Gemeinsam singen

Wenn ich eins mit meiner Stimme bin, kann mir nichts passieren. Weder beim Public Speaking noch an der Kasse im Supermarkt. Sie ist meine Superpower. Sie ist immer bei mir.

Warum ich Stimmarbeit liebe? Weil Stimme eine Superpower ist.
Mit der Stimme verbinden wir uns mit den anderen. Wir erzählen, überzeugen, lieben und streiten mit ihr. Diese Superpower ist immer da. Wir müssen sie nur aktivieren.

Was ist Stimmarbeit?

Aufnahmen für „InnerJoy“

„Stimmarbeit? Ist das sowas wie Stimmtraning?“ – ja, aber nicht nur. Wir können uns natürlich auf Lautbildung, Artikulation und Melodieführung fokussieren. Doch es steckt viel mehr dahinter. „Freeing the natural voice“ sagte Kristin Linklater. Die natürliche Stimme befreien. Das ganze Potenzial der Stimme nutzen . Nach Kristin Linklater kommen wir mit einer Stimme zur Welt, die alle Emotionen ausdrücken kann und einen Umfang von bis zu 4 Oktaven hat.
„Aber Julia, ich bin doch keine Künstlerin“, höre ich von einer Kundin, „ich habe gar kein Bedürfnis nach Selbstausdruck!“ Ist das wahr? Oder wurde dieses Bedürfnis früher immer unterdrückt? Ich kenne kein Baby, das nicht lautstark seine Bedürfnisse kundgibt. Die Freude an der Mitteilung bei einem Kleinkind ist überschwänglich. Es ist in uns drin. Wir müssen es nur (wieder)finden. Und ja, es hat sehr viel mit Kontrolle abgeben zu tun.

  • Was ist meine natürliche Stimme?

Mit dieser Frage beginnt das schönste Abenteuer namens Stimmarbeit.

Nach einem Online Training (2020)

Warum ich Stimmarbeit liebe? Weil ich andere bei deren Entwicklung unterstützen kann. Eigene Ideen werden bei der Gruppendiskussionen verteidigt. Direkte Kommunikation wird zum Freund. Wir leben unsere Wahrheit, verzaubert und kraftvoll.

BoomBoomBlog Challenge

Warum ich Stimmarbeit liebe? – diese Frage wird mich ab jetzt immer beschäftigen.
Danke an Judith Peters für den Anstoß. Und auch an meine Mentorin Susanne Eggert , ohne die ich niemals Stimmtrainerin geworden wäre.
Fortsetzung folgt.

2 Kommentare

  • Wiebke Joormann-Scholz

    Ein wundervoller Beitrag! Ich bin noch dabei, meine Stimme wieder zu entdecken und lieben zu lernen. Mein größter Meilenstein im letzten Jahr: ein öffentliches Video mit meinem Gesang! Das war eine krasse Überwindung, denn „ich kann doch gar nicht singen!“ Früher fand ich mich zu laut, zu quitschig und überhaupt meine Stimme schrecklich. Das ändert sich zunehmend ist so wertvoll!

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